
Postdigital Backlash: Past, Present, Future, 22.-23.06.2026, Zagreb, Kroatien
Die Konferenz Postdigital Backlash: Past, Present, Future fand vom 22.-23. Juni 2026 in Zagreb, Kroatien statt. Unter dem Begriff und Konzept des ›Digital Backlash‹ werden dabei Debatten und Entwicklungen gefasst, die nach einer überwiegend euphorischen Einordnung nahezu Ausprägungen einer fortschreitenden Digitalisierung nun deutliche Skepsis gegenüber der Allgegenwart digitaler Technologien und Vernetzungen offenbaren. Ein hervorgehobenes Beispiel für die Auswirkungen des Digital Backlash ist Schweden. Das Land war einst Vorreiter in der Digitalisierung von Schulen und verfolgte eine 1:1 Strategie: Jedes Schulkind sollte ein eigenes digitales Gerät für den Unterricht erhalten. Seit 2019 war die Nutzung digitaler Devices für alle Schulen verpflichtend.
Seit 2023 und in der Folge verschiedener wissenschaftlicher Studien, die auf negative Auswirkungen der Digitalisierung hingewiesen haben, hat die Schwedische Bildungspolitik eine große Wende durchgeführt: Statt in neue digitale Geräte wird nun wieder in Schulbücher und Bibliotheken investiert. Digitale Geräte im Klassenraum, so die Erkenntnis, führten zu starker Ablenkung und Konzentrationsproblemen der Schüler*innen. Auch in anderen Ländern der EU und darüber hinaus – allen voran Australien – wird vermehrt über das Verbot von Sozialen Medien für Jugendliche gesprochen, über Alterslimits und über die Regulierung von Plattformen. Die Konferenz ›Postdigital Backlash‹ wollte diese Diskussionen zum Anlass nehmen einerseits darüber zu diskutieren, wie es zu diesen Entwicklungen gekommen ist und zugleich die Frage stellen, ob die neu entwickelte Skepsis gegenüber digitalen Medien einen guten Ausgangspunkt für die Einflussnahme auf zukünftige Entwicklungen darstellt. Die anhaltenden Diskussionen über digitale Technologien, vor allem im Bildungsbereich, zeigten die Nachfrage nach und Notwendigkeit von empirischem Wissen und theoretisch fundierten Debatten, die über einfache pro- und contra-Diskussionen hinausgehen. Eine solche Herangehensweise, so der Ausgangspunkt der Konferenz, biete vor allem der postdigitale Ansatz, der die tiefe Verankerung digitaler Infrastrukturen in zeitgenössische Gesellschaften, mit der Bedeutung von kritischer Reflexion und Visionen für die Zukunft zusammendenkt.
Die Tagung erfreute sich eines äußerst großen Zuspruchs insbesondere aus der community der Forschenden zu Postdigitalität und Lehre – deren zentrales Sprachrohr die Zeitschrift Postdigital Science and Education ist. Über die zwei Tage versammelte die Konferenz 122 Teilnehmer*innen und involvierte 90 Vorträge in drei parallel laufenden Slots. Verbunden wurde die große Bandbreite an Vorträgen durch drei Keynotes, gehalten durch Jeremy Knox (University of Oxford), Teresa Cerratto-Pargman (Stockholm University) und Mark Coeckelbergh (University of Vienna), sowie eine roundtable discussion, moderiert durch den kroatischen Soziologen Boris Jokić mit zwei Mitgliedern des kroatischen Parlaments und einer Sprecherin der Swedish Internet Founcation.
Jeremy Knox beschäftigte sich in seinem Vortrag »Postdigital Backlash: a ›holding to account‹« mit vor allem massenmedialen Diskursen der kritischen Betrachtung digitaler Medien. Eine zentrale Beobachtung war, dass viele Berichterstattungen sich auf kognitive Forschungen zu den Auswirkungen digitaler Medien beziehen (Time: »ChatGPT is eroding critical thinking«). In Knox` Interpretation dieser Diskurse argumentiert die Figur des Backlash häufig, dass Kognition als das eigentliche Problem betrachtet werde und die implizit damit einhergehende Forderung sei, »Kognition zu verbessern«. Dies sei aber eben nicht genug: Vielmehr gehe es darum, den Diskurs auf die Technologien selbst zu richten. Knox Forderung: Die Ausbildung kritischer Beurteilungen technischer Systeme solle ins Zentrum der Lehre und der Debatte um den digital backlash gestellt werden. »The backlash is up for grabs«, in einer Situation, in der die Probleme von Technologien erkannt würden, gehe es darum die richtigen (kritischen) Schlüsse daraus zu ziehen.
Auch in der Keynote von Teresa Cerratto-Pargman ging es aufbauend auf Simondons Existenzmodi technischer Objekte darum, die Unvermeidbarkeit technischer Objekte, die auch historisch immer schon als Werkzeug betrachtet worden seien zu hinterfragen. Hoffnungen knüpft Cerratto-Pargman hier auf slow tech movements, low-tech practice und Perma-Computing. Es gehe darum mit Techniken ein Experimentierfeld für eine bessere Zukunft zu schaffen. Drei Thesen stellte sie hierfür heraus: 1) Von digitaler Kompetenz solle man zur Forderung nach »Zukunfts-Kompetenz« (future literacy) übergehen; 2) Von der Unterstützung und Förderung einzelner Individuen zur Stimulation gemeinschaftlicher Beziehungen; 3) von einer Aufhäufung – dem ›banking-model of technology-enhanced education‹ –, solle man zu einer gemeinsamen Verantwortung (co-stewardship) postdigitaler Bildung übergehen.
Eine weitere kritische Position – vor allem hinsichtlich der Folgen von künstlicher Intelligenz wurde durch den belgischen Technikphilosophen Mark Coeckelbergh vertreten: Coeckelbergh, selbst Mitglied des UN Independent International Scientific Panel on AI, bezog sich unter anderem darauf, dass Künstliche Intelligenz drohe die grundsätzlichen Fundamente von Demokratie zu untergraben. Aktuelle Entwicklungen hinsichtlich KI machten einen Wandel der Lehre von einer Fokussierung auf den Arbeitsmarkt hin zu einer ›Ausbildung für die Demokratie‹ notwendiger denn je. Schulen seien der zentrale Ort werden, an dem Urteilsfähigkeit geschult werde könne.
Tobias Conradi, Mitglied des Leibniz-WissenschaftsCampus Postdigitale Partizipation Braunschweig, hielt seinen Vortrag im Panel »Postdigital Visions and Imaginaries«. Unter dem Titel Educational Media als Tools – and as Ideology beschäftigte sich Conradi mit den Verheißungen aus Werbeclips der Big Tech-Konzerne und deren Verhältnis zu politischen Forderungen der Mediennutzung in Bereich schulischer Ausbildung. Innerhalb der aktuellen Debatten zeigt sich, dass Apple, Google und Microsoft die Forderungen nach besserem Jugendschutz wahrgenommen haben und in ihr Marketing mit aufnehmen. Als Antwort auf gesellschaftliche Nachfrage die Nutzung digitaler Geräte einzuschränken, reagieren die Techkonzerne jedoch erneut mit technischen Lösungen – technosolutionism. Anstatt technologische Allgegenwart zu hinterfragen, fördert der Backlash hier zusätzliche Ebenen technologischer Überwachung und fördert einen Wandel von liberalen Idealen der Autonomie hin zu repressiveren Formen sozialer Kontrolle.
